Sonja Bongers MdL

Corona-Gespräche | 01

Heute zu Gast: Johannes Stelzer, Mediziner, Psychotherapeut, Impfarzt

Der Mediziner Johannes Stelzer berichtet über seine Erfahrungen von den Corona-Impfungen, die psychischen Auswirkungen der Pandemie und die Rolle der Politik.

Sonja Bongers: Herr Stelzer, Sie sind Arzt und Psychotherapeut. Dadurch haben Sie viele Einblicke, was Drucksituationen in Menschen auslösen können. Die Corona-Pandemie ist eine solche Situation. Welchen Einfluss auf die Menschen konnten Sie beobachten?

Johannes Stelzer: Viele Menschen haben keine Lust mehr auf die virtuelle Welt und die virtuellen Kontakte. Ständige Online-Meetings, du gehst nicht mehr raus und sprichst nebenbei mit Kollegen. Das kleine so wichtige Gespräch zwischendurch – das fällt weg. Es sind oft Monologe, die wir Online hören. Es fehlt einfach der Auslauf, das Angenommen werden, die Bestätigung oder auch Ablehnung von Anderen. Man kreist sehr um sich selbst. Dennoch sollte man zumindest die Möglichkeiten wie Zoom oder Telefon vermehrt nutzen, um der Isolation vorzubeugen. Und natürlich im Kreise der Familie kommunizieren.

Sonja Bongers: Den Menschen wird durch den nicht stattfindenden Urlaub einen Perspektive genommen, auf die sich gefreut haben. Wie kann ich mit der schlechten Laune umgehen?

Johannes Stelzer: Ich will mal ein Bild bemühen. Wir stehen im Nebel und können nicht weit gucken. Wir können nicht sagen, was im August oder September sein wird. Daher rate ich ab, sich auf den Sommerurlaub zu fokussieren, sondern sich eher auf die nähere Zeit zu konzentrieren. Man sollte jetzt aus diesem Tag oder den nächsten Tagen das meiste für sich persönlich rausholen. Fokussieren auf die Beziehungen die man hat, die Menschen die einen umgeben – einfach aktiv zu sein. Machen sich nicht von den Zukunftsaussichten abhängig.

Sonja Bongers: Wie beurteilen Sie die derzeitige politische Transparenz im Umgang mit der Krise und was bedeutet das für den Einzelnen?

Johannes Stelzer: Wir haben immer eine Oase in der Wüste gesehen an die wir uns geklammert haben. Jetzt kommen die Impfungen und die laufen nicht so, wie wir uns das vorstellen. Dann ist die Kommunikation in der Politik natürlich auch nicht so, wie man sich das vorstellt. Da geht es dann um den Inzidenzwert: Erst heißt es, wir öffnen bei unter 50, jetzt kommt der I-Wert von 35, manche sprechen von einem I-Wert von unter 5. Das frustriert und spannt die Menschen an. Das ist aber eine normale Reaktion. In Teile funktionieren wir ja im Sinne von Belohnung und Bestrafung. Kognitiv kann ich mir erklären, ich kann jetzt nicht reisen. Es ist nicht gut mit vielen Menschen zusammenzukommen. Aber ich empfinde es emotional aber irgendwie als Einschränkung also als eine Bestrafung. Also reagiere ich mit tiefem emotionalem Frust. Da braut sich in mir etwas zusammen. Das ist Druck im Kessel.

Sonja Bongers: Wie sieht das konkret aus?

Johannes Stelzer: Das merkt man bei den Menschen am Verhalten. Kinder werden gerade jetzt beim zweiten Lockdown deutlich verhaltensauffälliger, aggressiv oder ziehen sich zurück, reagieren mit depressiven Symptomen. Bei Paarbeziehungen entstehen vermehrt Konflikte. Corona hat keine neuen psychischen Erkrankungen zutage gebracht, sondern hat aus bereits angelegten Dingen in den Menschen, das Fass zum Überlaufen gebracht. Psychische Störungen, die vorher nicht so ins Gewicht fielen, sind manifest geworden und haben durch Corona einen Krankheitswert erreicht. Beispielsweise wird aus einer klassischen Erschöpfung eine Erschöpfungsdepression.

Sonja Bongers: Gibt es dazu den Daten, die das belegen?

Johannes Stelzer: Es gab eine Umfrage der BKK Pronova. 154 befragte Psychiater gaben an, dass die Diagnose von Angststörungen und Depression deutlich angestiegen sind. Erschöpfung, Isolation, Zukunftsängste waren die Hauptsysteme. Der Berufsverband der Psychotherapeuten hat unter rund 1000 Mitgliedern eine Umfrage gemacht und die Ergebnisse waren eindeutig. Die Anzahl der Anfragen für ein Gespräch mit dem Psychotherapeuten hat um 40 Prozent zugenommen.

Sonja Bongers: Schlägt sich das denn auch in Ihrer Praxis nieder? Gibt es mehr zu tun?

Johannes Stelzer: Es gibt deutlich mehr Anfragen. Besonders Alleinerziehende, die alles unter einen Hut bringen müssen, melden sich vermehrt. Die haben immensen Druck: Homeschooling, Job oder Kurzarbeit, Wegfall des Nebenjobs und dadurch finanzielle Schwierigkeiten. Die Palette ist groß.

Sonja Bongers: Sie arbeiten auch als Impfarzt in Duisburg. Wie läuft das ab?

Johannes Stelzer: Das war eine interessante Erfahrung. Ich habe die über 80-Jährigen geimpft. Die Menschen kamen gut angezogen in Anzug, Sakko und Kleid wie zu einem besonderen Termin zur Impfung. Die nehmen das ernst und haben Vertrauen zu den Ärzten. Die waren alle sehr dankbar. Die Senioren haben ein festeres Weltbild und sind weniger korrumpierbar durch social media. Über Social Media werden natürlich Ängste geschürt. Da sind Jüngere dann deutlich anfälliger.

Sonja Bongers: Wie läuft so eine Impfung denn ab?

Johannes Stelzer: Anders als man sich vorstellt. Apotheker stellen die Impfdosis her und stellen sie uns Ärzten zur Verfügung. Ich bekomme also fertige Impfspritzen, die komplett aufgezogen sind. Das Impfen ist schnell. Die meiste Zeit geht eigentlich für die Aufklärung drauf. Nachfrage nach Unverträglichkeiten oder derzeitigen Medikamentenkonsum kostet Zeit. Alles eigentlich wie bei normalen Impfungen.

Sonja Bongers: Läuft das in NRW gut ab?

Johannes Stelzer: Es hat in NRW bislang relativ gut funktioniert. Die Städte haben die Impfcenter schnell aufgezogen. Stadtverwaltung, Feuerwehr und ärztlicher Dienst arbeiten gut zusammen. Es fehlt nur an Impfstoff. Daher impfen wir immer noch nicht so, wie wir sollten.

Sonja Bongers: Ist Ihre Arbeit freiwillig?

Johannes Stelzer: Ich mache das neben meiner Praxis, weil ich da mitmachen wollte. Wir haben keinen Mangel an Fachkräften. Das Engagement ist sehr groß und das ist ein gutes gesellschaftliches Signal.

Sonja Bongers: Wird das Impfen auch auf die Hausärzte verlagert?

Johannes Stelzer: Ganz viele Hausarztpraxen haben bereits signalisiert, ab dem 1. März mitzumachen. Der Impfstoff sollte jedoch als Fertigimpfstoff in der Spritze in die Arztpraxis geliefert werden, um Fehler zu vermeiden.

Sonja Bongers: Bleibt etwas Positives aus dieser Corona-Krise?

Johannes Stelzer: Ich hoffe, dass das bleibt, dass es einen großen gesellschaftlichen Zusammenhalt gegeben hat. Man sieht, dass Menschen einander unterstützen. Die Starken kümmern sich um die Schwachen. Wir zeigen derzeit, dass wir eine soziale Gesellschaft sind, die aufeinander angewiesen ist.

Sonja Bongers: Mit welchen Argumenten als Arzt würden Sie Menschen überzeugen wollen sich zu impfen die Ängste haben?

Johannes Stelzer: Ich würde als erstes erklären, dass die Frage der schnellen Zulassung des Impfstoffes, mit dem großen Forschungsaufwand und durch den Einsatz von viel Geld einfach beschleunigt wurde. Es wurden alle wichtigen Verfahren durchlaufen und es ist sicher. Es ist sehr umfangreich untersucht worden. Die Nebenwirkungsrate ist erfreulich gering. Man muss das Risiko eines Impfschadens gegen den eines Corona-Schadens abwägen. Da muss man klar sagen, das Impfrisiko ist deutlich geringer, als an Coronafolgen zu leiden.

Sonja Bongers: Wie verhält sich die Politik in Ihren Augen?

Johannes Stelzer: Man darf nicht nur auf Schlagzeilen gucken, die man als Politiker mit Corona erzeugen kann. Das Thema ist angstbesetzt, es gibt angsterzeugende Botschaften, die sehr vorsichtig publiziert werden müssen. Das sollte man als Politiker beachten. Tatsächlich muss die Politik den Menschen Mut machen. Man muss auch auf die guten Seiten verweisen: Schneller Impfstoff, Zusammenhalt, relativ schnelle Hilfen für die Wirtschaft und die Bevölkerung. Auch der Wahlkampf ist aus meiner Sicht derzeit wenig hilfreich, da zu viele Polarisierungen stattfinden. Es besteht eine große Versuchung bei Politikern, populistisch zu agieren, wie man beim jetzigen NRW-Ministerpräsidenten und anderen Politikern sieht. Ein solcher Schlingerkurs mit ständig wechselnden Inzidenzwerten verunsichert die Bevölkerung und spielt Wissenschaft, Wirtschaft und Politik gegeneinander aus.

Sonja Bongers: Was machen Sie als erstes, wenn Corona vorbei ist?

Johannes Stelzer: Ich buche eine Reise und bin mindestens drei Wochen weg.

Sonja Bongers: Herr Stelzer, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Die Gesprächsreihe wird fortgesetzt.

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